Dienstag, 22. September 2015

Ein Erfahrungsbericht vom Hauptbahnhof - Flüchtlingshilfe



Zu viel oder zu wenig?

Ich stehe in meiner Küche und hüpfe äußerlich zwischen Herd, Arbeitsplatte und Abwasch hin und her und innerlich zwischen Panik, Aufregung, Trauer und Unsicherheit. Werden sie so viel Essen wirklich brauchen? Wie soll ich das alles transportieren? Was für eine schreckliche Situation! Wie wird das weitergehen? Ein Blick auf die Facebook-Seite bestätigt mich: JA, es wird Essen gebraucht. Die Nudeln sind zu weich, es ist gar nicht so einfach in diesen Mengen zu kochen. Vor der Abfahrt werfe ich noch ein paar Päckchen Saft, Kekse, Kaffee und Bananen dazu und mache mich auf den Weg. Es ist 22.30. 

Bereits von der Ferne sehe ich, heute sind viel mehr Menschen da als gestern. Ein Gefühl der Beklemmung befällt mich, als ich überall Menschengruppen  sehe, die gehen, sitzen oder auf dem auf dem kalten Asphalt liegen, mitten in der Nacht. Ich sehe bereits die Zelte, die Rettungswagen und Polizei. Irgendwie erinnert es mich an das Ende eines Rockkonzertes. Ich bin froh, meine warme Jacke zu tragen, es hat ziemlich abgekühlt, gleichzeitig hab ich ein schlechtes Gewissen.
Es ist nun das 3. Mal, dass ich Essen bringe, an einen der Orte, an dem sich die Flüchtlinge sammeln, weil sie nicht weiterkommen. Als ich das erste Mal am Hauptbahnhof war, erinnerte mich der Anblick in der Halle an Reisende, die erschöpft aber geduldig in der Halle auf  ihre Weiterreise warten und vor sich hin dösen. Ich denke an die Nächte, in denen ich Stunden am Flughafen warten musste und ein Gefühl der Erschöpfung befällt mich. Wie sehr habe ich mich da nach einer Dusche und einem weichen Bett gesehnt. 

Ich suche einen Abstellplatz zwischen den vielen Fahrzeugen, die alle nicht vorschriftsmäßig parken. Es dürften SpenderInnen sein, die ihre Ware abliefern. Die Polizei sagt heute nichts, sie ist mit anderen Dingen beschäftigt. Kaum öffne ich den Kofferraum steht bereits eine Gruppe junger syrischer Burschen vor mir und bietet höflich ihre Hilfe an[1]. Ja sicher! Gerne! Sie übernehmen die schweren Töpfe und warten auf mich, als wir die Straße überqueren. Wir gehen Richtung Essensverteilstelle, überall sind Abtrennungen mit rot-weißem Band, die die Massen trennen und  ordnen. Ich sehe hinter der Absperrung, wie sich die Leute in einer langen, aber sehr geordneten Reihe anstellen, um in einen Bus einzusteigen. Vor dem Sanitärwagen ist eine weitere Warteschlange, einer schaut von oben herunter mit einem Rasierer in der Hand, er scheint jemanden zu suchen. Ich habe das Privileg, auf der anderen Seite des Parkplatzes zu gehen, ohne Kontrollen, ohne gestoppt zu werden, ohne mich anstellen zu müssen.


[1] Da ich Kopftuch trage, sprechen sie mich auf Arabisch an. Glücklicherweise habe ich Arabisch gelernt.


So viele Menschen – so viel Geduld und Vertrauen

Als wir den Bahnhofsbereich, der zur Verfügung gestellt wurde, betreten, nimmt es mir fast den Atem. So viele Menschen!!! Die einen wollen hinaus, die anderen hinein doch keiner drängelt. Trotz der Massen ist eine Ruhe und Ordnung da, nicht zuletzt wegen der vielen HelferInnen, die überall zur Stelle sind. Alle benehmen sich sehr rücksichtsvoll, niemand beschwert sich oder wird laut, keine weinenden Kinder. Eine Frau will an mir vorbei, sie zieht ein Kind hinter sich her. Ich denke an meine Angst, wenn ich mit meinen kleinen Kindern in einer Menschenmenge unterwegs bin,  und dass ich ihre Hände immer fest umklammere.  Irgendwie herrscht hier ein Gefühl des Vertrauens, der Sicherheit und der Solidarität. Der Geruch ist unerträglich, leicht säuerlich und stinkig. Aber es ist warm, hier drinnen braucht man nicht zu frieren.  Ich denke daran, wie oft ich lüften muss, wenn ich einen Vormittag in einem gefüllten Seminarraum unterrichte. 

Links ist die Handyladestation, um die zwanzig Menschen mit ihren Kabeln sitzen und warten.  Rechts ist die Ausgabestelle für kaltes Essen. Heute kann ich die Tische und die HelferInnen nicht sehen, da es so ein Gedränge ist. Wir eilen weiter zu der Ausgabestelle für warmes Essen. Die Schlange davor ist bereits um die zwanzig Meter lang, zwischen den Menschen erspähe ich einen Blick auf die einzelnen Töpfe auf den Tischen, aus denen Helfer das Essen schöpfen. Mein einziger Gedanke ist: Oh mein Gott! Das wird NIE reichen! Wir dürfen durch die „lebende“ Absperrung, die die Helfer bilden, um ein Gedränge an der Essensausgabe zu vermeiden, gehen. Meine Töpfe werden sofort übernommen und das Essen herausgeschöpft.  


Wir gehen nicht ohne die anderen!

Für heute habe ich mir vorgenommen, eine Notschlafstelle anzubieten. Auch wenn ich mich überwinden musste. Mehrere Bekannte von mir hatten das bereits getan und ich war bereit, unsere Türen zu öffnen. Ich gehe zur Koordinationsstelle, am Weg dorthin werde ich mehrmals aufgehalten. „Were do you want to go?“ Die Leute halten mich für einen Flüchtling. Zur Koordinationsstelle, zum Arzt und so weiter darf nicht jeder. Mit den Zauberworten „Ich bin kein Flüchtling.“ komme ich überall durch und ich fühle mich schlecht, dass andere erst um Erlaubnis fragen müssen, um sich hier aufhalten zu dürfen - obwohl ich verstehe, dass es nicht anders möglich ist. 

Mir wird gesagt, dass ich einfach Leute ansprechen kann. Das tue ich dann auch. Ich gehe zurück in die Halle, weiter hinten liegen die Menschen auf dem Boden, mit oder ohne Decken. Manche haben ein Feldbett ergattert und schlafen bereits tief. Ich spreche eine schwangere Frau, die auf einem Feldbett sitzt und von schlafenden Kindern umringt ist, an. Ob sie einen Platz zum schlafen brauchen, wir könnten ihnen für die Nacht einen anbieten. Ihr Mann antwortet mit einem Lächeln: „Wir haben drei Kinder und reisen mit meinem Bruder, er hat fünf Kinder.“ Okayyyy?! „Wir möchten nicht ohne sie hier weg.“ Na ja, das ist nun doch zu viel. Das geht nicht. Die Kinder schlafen tief, eng aneinander gekuschelt, ihre kleinen Gesichtchen sind blass, der Mund offen, alle Glieder von sich gestreckt. Sie haben seit vier Tagen nicht geschlafen, erzählt der Vater, der tiefe Ringe unter den Augen hat aber immer lächelt. Jetzt die Kinder wieder aufwecken, ins Auto packen, zu uns bringen, in der Früh wecken da ich in die Arbeit  muss und wieder her… Ich weiß nicht. Ob das dann eine Hilfe ist? Noch einmal biete ich es an, sage, sie könnten als Familie mitkommen, sich waschen, duschen, essen. Er betont noch einmal, dass er mit seinem Bruder unterwegs ist und sie zusammenbleiben wollen. Er deutet auf ein paar ausgebeulte Decken. Wieviele Menschen darunter liegen, kann ich nicht ausmachen. Er möchte nicht eine weiche Matratze und duschen, wenn der Rest seiner Familie dies nicht haben kann. Er möchte nicht, dass sie sich verlieren, so wie es vielen anderen Familien auf der Flucht ergangen ist. Er möchte seinen Bruder im Schlaf nicht stören und kann ihm auch nicht eine SMS schicken um ihm mitzuteilen wo er sich befindet, da er das Handy verloren hat. Er lehnt mein Angebot dankend ab und nimmt seine Frau an der Hand, die die Toilette aufsuchen muss. Die Kinder bleiben schlafend alleine zurück. Ich würde mich das nicht trauen, unter so vielen Menschen. Aber was bleibt ihm anderes übrig. Die Frau ist im neunten Monat schwanger und wer weiß, wie schwierig es sein wird, die Toilette zu erreichen. Zur Sicherheit bleibe ich bei den Kindern stehen, bis sie wieder zurückkommen.

Zwei Frauen stehen auf der Seite  und betrachten das Getümmel. Ich frage sie, ob sie auf jemanden warten. Hier sind alle HelferInnen per-Du, und der Umgang miteinander ist sehr unkompliziert und freundlich. Ja, sie haben eine Notschlafstelle anzubieten und warten nun darauf, dass ihnen eine Familie zugeteilt wird. 




Eine „leichte“ Reise

Nach ein paar Minuten haben sie eine Familie zugeteilt bekommen, die ihr Angebot gerne annimmt,  eine Frau mit zwei Kindern und ein Mann. Sie warten noch auf den Rest der Familie Ich frage auf Arabisch, ob das ok ist für sie, der Mann lacht zurück und sagt, sicher, das sei ganz gut ein Pause zu machen. Er beginnt von ihrer Reise zu erzählen. Sie sei sehr leicht gewesen, alhamdulillah[1], nur in Griechenland war es schwer. Als Flüchtling bekommst du kein Hotel, kein Taxi, alles verboten, sagt er. In Ungarn hatten sie Glück, sie waren mit dem Zug gekommen, in Nickelsdorf war es am schrecklichsten, da habe man sie irgendwohin geschickt wo nichts war, sie hätten nicht verstanden was sie hier sollten und wie sie weiterkonnten. Dann seien sie zu Fuß gegangen. Zwischendurch lacht er immer wieder, macht Scherze. Den Sohn habe er die ganze Zeit auf seinen Schultern getragen. Das habe seine Schultern gekräftigt! Er strahlt so eine Lebensfreude und Energie aus trotz der Anstrengungen, dass ich einfach nur mitlachen kann. Na dann. Bei unserer Unterhaltung habe ich ganz vergessen, dass die beiden Frauen ja kein Wort verstehen und mir wird wieder einmal bewusst, was es für Hürden es bedeutet, wenn man sich mit Worten nicht verständigen kann. 

Die Frauen erklären den Weg zu ihrem Zuhause und ich übersetze.  Eine Station mit der U-Bahn, dann zehn Minuten zu Fuß. Ob das okay wäre, frage ich mit Blick auf die müden Kinder. Es ist nach Mitternacht. Zehn Minuten! Ha, das sei ja gar nichts, nach dem sie tagelang zu Fuß unterwegs waren, lacht er fröhlich. Mittlerweile ist der Rest der Familie auch da und es kann losgehen. Ein Mann spricht mich auf Arabisch an. Kenne ich sie, die beiden Frauen, kann man ihnen trauen? Er ist nicht sicher, er gehört zu der Familie dazu. Nein, ich kenne sie nicht, aber sie sind sicher in Ordnung. Viele Menschen wollen helfen. Ich stelle mir vor, wie es mir gehen würde, mit wildfremden Menschen in einer fremden Stadt, in einem Land, dessen Sprache und Kultur ich nicht kenne mitten in der Nacht mitzugehen um bei ihnen zu übernachten…doch sie sind schon am Aufbrechen. Ich drehe mich um, um  weiterzugehen, da ruft mir der Familienvater über die Menschenmassen laut mit einem Lachen zu: „Schukran ya ukhti!“[2] Ich winke ihnen noch zu. 

 Ich spreche noch ein paar andere Familien an, alle wollen zusammenbleiben, meist um die 10-20 Personen, Bruder, Mutter, Onkel, Tante, Kinder. Durchwegs freundliche Gesichter, Menschen, die geduldig und höflich sprechen. Sie fragen auch mich ein wenig aus, wie es mit den Grenzen aussähe, ob die Reise leicht  weitergehen könnte und ob ich Ägypterin sei. Nein, ich kann nicht viel dazu sagen, die Politiker sind momentan unberechenbar und ihre Entscheidungen sind schwer vorhersehbar und  nein, ich habe nur Ägyptisch gelernt, bin aber Österreicherin.
Mittlerweile ist es 00.30. Immer mehr Busse kommen.  Einer mit Megaphon geht durch die Halle und schreit: „Busse bringen euch zu Orten, an denen ihr schlafen könnt! Bitte steigt ein, in 15 Minuten fahren sie ab.“ Es ist eine einzige Unruhe, ein Kommen und Gehen, und ich überlege mir, dass die meisten am liebsten wahrscheinlich hier bleiben und zu Ruhe kommen möchten an einem Ort an dem sie einigermaßen versorgt sind. Dass sie sich nach einer Pause sehnen, ohne Angst haben zu müssen, sich als Familien zu verlieren, verjagt oder verhaftet zu werden.



[1] Gott sei Dank


[2] Danke, meine Schwester!
 


Endlich in Sicherheit- Sie haben das Schlimmste hinter sich

Draußen auf den Gehsteigen liegen Menschen mit Decken über dem Kopf wie die Sardinen geordnet einer neben den anderen auf dem Asphalt. Es ist bereits spät und sie haben sicher einen anstrengenden Tag hinter sich. Bei der Kälte, dem Lärm, dem Licht, dem Schmutz und Gestank könnte ich kein Auge zumachen, denke ich. An einem Hydranten waschen sich ein paar Leute, ab und zu spritzt das Wasser auf die Decken der Schlafenden. Gleich daneben der Rettungswagen, zwischen ihm und der Wand liegen Kinder, eng zusammengekuschelt, gleich neben den Reifen. Ein letzter Blick auf die friedlichen Massen, und ich mache mich zurück auf den Weg zu meinem Auto. Wo kann ich nur durch? Da die Absperrungen, dahinter die Busse, daneben Polizisten, davor die Warteschlange derjenigen, die sich für den Bus anstellen. Wieder werde ich mehrmals aufgehalten, von freundlichen Polizisten und Helfern,  ich darf nicht hingehen, wohin ich will. Wieder spreche ich die Zauberworte „Ich bin kein Flüchtling“, die mir alle Wege frei machen und denke mir, wie ungerecht diese Welt doch ist.

Beim Einsteigen in das Auto fällt mein Blick auf das Hotel, das direkt gegenüber der Sammelstelle für Flüchtlinge nur wenige Meter entfernt ist. Die meisten Fenster sind dunkel, das waren sie auch vor drei Stunden bereits. Ich denke an die Worte des fröhlichen Syrers: „Hotelzimmer wurden uns nicht erlaubt“[1].

Als ich in dieser Nacht um 3.00 früh meine schlafenden Kinder zudecke und mich in mein Bett kuschle, bin ich sehr bedrückt. Diese weiche, warme Schlafmöglichkeit ist heute besonders vielen Menschen  in unserer nächsten Nähe nicht vergönnt. Mein Mann sagt mir etwas Tröstliches: „Diese Menschen haben bereits das Schlimmste hinter sich.“ Es ist beruhigend, und in meinem Innersten hoffe ich, dass die Worte meines Mannes auch wahr sind und sie nicht noch schlimmeres erleben müssen. Beim Einschlafen spüre ich eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass ich irgendetwas beitragen konnte, um ihnen ein wenig ihr Leid zu lindern und dafür, dass sie mir diese Erfahrung geschenkt haben damit ich ihre Situation besser verstehe.
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Hier habe ich den Abend des 14. September 2015 beschrieben, ein Tag, bevor Ungarn seinen Grenzzaun vollendet hat und einer der Tage, an dem sich am viele Menschen in Österreich an den Wiener Bahnhöfen und Grenzübergängen ohne geregelte Versorgung und ohne gesicherten Schlafplatz aufhalten mussten. Zahlreiche Personen wurden auch im Laufe des Abends mit privaten PKWs und Taxis zu den Bahnhöfen gebracht, da bekannt war, dass sich dort Notversorungsplätze befanden.  Trinkwasser ist Mangelware und wird von Spendern in Flaschen gebracht. Da die WC-Benutzung am anderen Ende des Bahnhofs 50 Cent kostet und auch als Waschraum genutzt wird, ist es schwierig sich dort mit Trinkwasser zu versorgen. Geschätzte 3500 Menschen befanden sich am diesem Tag am Hauptbahnhof. Die Gemeinschaft  „Train of Hope“, die sich mit dem Beginn der Flüchtlingswelle aus freiwilligen Helfern zusammengefunden hatte, hatte in den Tagen davor eine Versorgungsstelle aufgebaut, die Essen, Wasser, Decken, Kleidung, ärztliche Versorgung & Medikamente, Müllabtransport, Kinderspielecke mit Hilfe von vielen SpenderInnen bereit hielt. Sogar Duschmöglichkeiten und Ladestationen für Handys wurden organisiert.


[1] Obwohl sie wie jeder  andere Gast dafür zahlen würden.

 


Dienstag, 28. April 2015

Kurz-Bericht über das 3. Treffen für „Neue Muslime“ im IZ Wien & eine kleine Erklärung



Am 18.04. fand im Islamischen Zentrum Wien / Hubertusdamm das dritte Treffen für „Neue Muslime“ statt.
Im Laufe des Abends gab es vier Vorträge bzw. geplante Beiträge von Geschwistern zu unterschiedlichen Themen, welche uns „Neu-Muslime“ /  KonvertitInnen betreffen.
Der Hauptgedanke des Abends war, dass der Weg der Mitte für Muslime das Erstrebenswerte ist und Extremismus, egal in welche Richtung, aus Sicht der Religion nicht zu rechtfertigen ist.

Ein weiterer Punkt war die Wichtigkeit einer Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfestellung bzw. Vernetzung, um auch öffentlich, gesellschaftlich, bestehen zu können und eine Stimme zu haben.

In diesem Zusammenhang wurde die IöKK von Maga. Hemma Steininger, einer unserer Gründungs-Frauen, vorgestellt. Sie erläuterte die Ziele und Anliegen unserer Initiative auf sehr nachvollziehbare Art und Weise und appellierte unter anderem an die anwesenden Brüder, sich auch anzuschließen und den "männlichen Teil" der Initiative zu stärken….

…. Und ehe frau sich versah kam, was irgendwann sowieso gekommen wäre……..

Konvertitinnen & Konvertiten ≠ Konvertiten & Konvertitinnen !?!

Die Frage: „Warum heißt die Initiative „Konvertitinnen & Konvertiten“ und nicht „Konvertiten & Konvertitinnen“??? – WER ist denn nun laut unserer Religion der Hausvorstand?“

Nun gut. Stellen wir uns also diesem herausfordernden Thema. Bis jetzt haben wir ja nur bis zum Wunsch nach männlichen Aktiven gedacht und das Thema „männlicher Führungsanspruch“ konfliktscheu ignoriert.

Aber jetzt ist sie da: die Diskussion – WER ist denn nun laut unserer Religion als „Führer“ vorgesehen?? Ja ist es denn in Ordnung, wenn die weibliche Schreibform vor der männlichen angeführt wird? Was steckt denn da dahinter? Wie soll denn das funktionieren, mit dem männlichen Teil der Initiative? – Tanzt der nach Frauenlaune??

GOTT behüt´!

Nach dem die emotionale Befürchtungs-Ebene jetzt abgehandelt ist, können wir uns dem Thema sachlich und mit ALLAHs Hilfe geduldig annähern.

Liebe Geschwister, die ihr diese Zeilen lest, der Grund warum im Titel der Initiative die weibliche vor der männlichen Form steht, ist ein ganz simpler und hat ausschließlich mit Höflichkeit uns Schwestern gegenüber zu tun!
Es ist in keiner Weise als eine Wertung oder Programm zu verstehen, weil wir nämlich der tiefen Überzeugung sind, dass Mann und Frau von ALLAH (t) in seiner Allwissenheit als gleichwertige Wesen erschaffen wurden! Darüber, dass es natürlich verschiedene Aufgaben im Leben eines Mannes und einer Frau gibt, sind wir uns auch einig.
Genauso wie es für uns indiskutabel ist, dass Männer und Frauen einander ergänzen sollen, sich gegenseitig unterstützen, wissend um die Stärken und Schwächen der / des anderen.
Wir sollen einander sein, wie edles Gewand: bedeckend, schmückend und aufwertend.

Miteinander und füreinander ist unser Programm.

Auf das Thema, ob Frauen aktiv sein dürfen, oder doch lieber zu Hause bleiben sollen, möchte ich als geborene Österreicherin und Tochter einer emanzipierten Mutter antworten:
Alhamdulillah finden wir in der Sunna unseres Propheten (sws) mehrere Typen von Frauen, - auch die Selbständigen, die nicht auf Versorgung durch ihren Mann angewiesen waren und stark und eigenverantwortungsvoll agieren.

ALLAH (t) hat uns unterschiedlich erschaffen. – Und gleichwertig.


Die interessanten und berührenden Vorträge des Treffens können übrigens demnächst inshaALLAH auf der Homepage des IZ nachgesehen werden: www.izwien.at


Montag, 9. März 2015

Live beim Bürgerforum

Am 24.02. fand im ORF ein „Bürgerforum“ zum Thema „Angst vor dem Terror – Das Ende von Multikulti?“ statt, zu dem ich als Privatperson eingeladen worden war, um beim „aktiven Publikum“ dabei zu sein.
„Spannend“ dachte ich mir schon nach dem ersten Telefonat….. Und genau so war es auch, alhamdulillah.
Bereits um 18.30 Uhr versammelten sich die ersten SendungsteilnehmerInnen vor dem Eingang des ORF am Küniglberg. Ein sehr buntes Grüppchen von unterschiedlichen Menschen mit einem Ziel: endlich aus der Kälte ins warme ORF Zentrum zu kommen.
Leider ist beim ORF alles bis ins Detail geplant, - auch ab wann Gästen Einlass gewährt wird. Da hilft kein regennasses Kopftuch, auch der dezente Hinweis „Ich bin eingeladen“ zeigt bei der Security keine Wirkung. Aber ein Gutes hat die Warterei: bedingt durch beständigen Regen und kleinen Unterstand rücken alle sehr eng zusammen und die ersten Gespräche entstehen. Es ist ja nicht sichtbar, wer welche Meinung vertritt. – Noch nicht.

Kurze Zeit später wird man dann in Gruppen zur Garderobe geleitet, Stress bricht aus: es müssen auch alle Handtaschen abgegeben werden. – Wohin mit den Taschentüchern für die verschwitzen Hände, diversen Toilettartikeln und dem Ausweis, der später nochmals benötigt wird?
Wieder haben alle trotz offensichtlicher Unterschiede dieselben Sorgen.

Danach folgt die offizielle Begrüssung - jedeR BesucherIn wird individuell durch Gäste-Betreuerinnen über die Regeln der folgenden Aufzeichnung informiert, Kärtchen werden verteilt, auch für Getränke ist gesorgt. Ich erhalte ein signal-rotes Kärtchen, - bedeutet: ich habe die Lizenz zum Reden.
Das schweigende Publikum erhält nur blass-grüne Kärtchen. Schön. Alles klar organisiert.
Die Eingeladenen beginnen langsam anzukommen.
Bei einigen ist die Nervosität offensichtlich, es wird am Gewand gezupft, hektisch die Begleitperson gesucht und nochmal schnell die Toilette aufgesucht.
Wirklich entspannt wirkt aber niemand.
Ich treffe für mich die Entscheidung eher nichts zu sagen….. Fühle mich etwas unwohl. Außer mir habe ich noch vier Frauen mit Tuch erspäht. Und ziemlich viele offensichtlich muslimische Männer, die sich vermutlich grade auf einen großen Auftritt vorbereiten.
Hm. Was kommt da wohl noch heute Abend? Bitte nicht das, was ich befürchte.

Nach einer geführten Wanderung durch fast unendliche Gänge im ORF Gebäude stehen wir endlich vor dem Studio. Die Nervosität steigt.
„Bitte alle Leute mit grünen Kärtchen schon hinein gehen. Die Herrschaften mit den roten Kärtchen warten bitte….“ Die Betreuerinnen sind ausnehmend freundlich, das tut gut.
Nach einiger Zeit, als endlich auch die spezial-Gäste eintreten dürfen, weiß ich auch warum: Der Sitzplatz ist sehr eng bemessen. Eher für Starmania-Gäste geeignet als für wohlgenährte DurchschnittsbürgerInnen. Es gibt ein Geschiebe und Gerutsche bis jeder irgendwie auf dem schmalen Polster Platz gefunden hat.
Auch hier wieder: alles organisiert!
JedeR BetreuerIn ist mit einer Fotokopie der Tribünen-Planung ausgestattet und hat genaue Anweisung wo die Gäste zu sitzen haben.
Ich finde mich zwischen einem sehr humorigen Betriebsrat und einem leicht verschämten Vertreter der türkischen Community wieder.
Also von links gibt es keine Berührungsängste, rechts möchte respektvoll nicht bei mir ankommen.
Blöde Situation für mich.
Ah: neben links sitzt eine sehr sympathische Dame. Vielleicht kann ich rechts ein bisschen erleichtern und mit links Platz tauschen? Dann würde ich zumindest einseitig neben einer Dame sitzen und…
Ich versuche es, was einen ziemlichen Aufruhr zur Folge hat. Innerhalb von 10 Sekunden ist ein Betreuer vor Ort, wachelt hektisch mit seinem Plan und deutet streng, dass ich mich gefälligst wieder auf den zugewiesenen Platz zu setzen habe.
Links, der vorher absolut einverstanden war, möchte mich mit den Worten: „Sie will halt lieber neben einer Frau sitzen“ verteidigen.
Spätestens jetzt drehen sich alle zu uns um. Sogar H.C. der inzwischen im Studio eingetroffen ist kann sich einen irritierten Blick über den Tumult nicht verkneifen.
Jede Entschuldigung ist zwecklos. Klischees müssen erfüllt werden. Frauen mit Tuch sitzen lieber neben Frauen und haben ungern Kontakt zu Männern.
Ich wäre jetzt lieber woanders und rutsche gleich wieder auf meinen geplanten Platz.
Jetzt passt wieder alles. Alles in Ordnung.
Links entschuldigt sich für seine Verteidigung.
Ich finde mich mit der Situation ab, alles beruhigt sich wieder.

Es ist heiß im Studio. Nach einer Begrüßung durch die verantwortliche Sendeleiterin und den Moderator folgt eine filmische Einführung in die ORF Zuschauer-Regeln.
Unter anderem heißt es: „Sie dürfen jubeln, lachen, trampeln und ihre Sitznachbarn umarmen….“
Lachen im Publikum.
Ich werde langsam genervt.

Endlich geht es los.

Die erste Einspielung von einer Befragung zum Thema „Terrorismus & Zuwanderung“ in verschiedenen Bundesländern läuft. Ich frage mich, in welcher Seifenblase ich lebe, dass ich von dieser schlechten Stimmung im Land bis jetzt nur so wenig mitbekommen habe und gratuliere mir innerlich zu meinen ArbeitskollegenInnen, Gemeindebau-Nachbarn und FreundenInnen.
Danach kommt eine fast unerträgliche „Situations-Reportage“ über Terroristen im Namen des Islam.
Ich überlege kurz ob ich jetzt gehen soll, weil es sowieso sinnlos ist hier zu sitzen.
Bin aber dann doch zu feige schon wieder eine Verstörung hervorzurufen.
Also bleibe ich hoffnungslos sitzen. – Und gehe halt nur auf innere Distanz.
Dann kommen die ersten Wortmeldungen der braven Sprech-Bürger.
Beschwerden über ungehobelte Jugendliche die ihr Essen in den U-Bahnen auf Sitze legen und ältere Damen dadurch „hinausdrängen“…..
Angst vor zu vielen muslimischen Zuwanderern.
Angst vor der Angst vor Muslimen und Attacken gegen offensichtliche Musliminnen.
Ärger über „Daham statt Islam“….
Wunderbar. Genau das hatte ich mir erwartet.
Auf der Tribüne wird es unruhig.
Die eingeladenen Politiker kommen zu Wort. Überraschender Weise gibt H.C. zu, dass „ja, ja…. Als vor über 100 Jahren Bosnien noch ein Teil von Österreich war….“ der Islam doch schon vor der Migration in Österreich war und kulturelle Spuren hinterlassen hat.
„Danke, danke.“, denk ich mir. Aber noch immer kein klares Bekenntnis, dass die Muslime zu Österreich gehören.
Die Vertreterin der Opposition ist toll!
Sie kommt sympathisch rüber, redet Klartext was Zuwanderung und Bildung betrifft und ich habe endlich das Gefühl, dass es vielleicht doch jemanden gibt, der mich versteht. – Was man von den Vertretern der Koalition nicht behaupten kann.
Lob für das neue Islam-Gesetz muss natürlich an die ZuschauerInnen gebracht werden, - vielleicht ändern die über 22.000 Menschen, die in der Bürgerinitiative gegen das Gesetz unterschrieben, haben ja doch noch ihre Meinung?
Unsere Innen- & Sicherheitsministerin empfiehlt Muslimen, die angegriffen werden zur Polizei zu gehen, was eine der Mit-Diskutantinnen aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen eher lächerlich findet.  Und das obwohl die beiden – auch optisch – sehr unterschiedlichen Frauen dieselbe Schule besucht haben! Eine Gemeinsamkeit trotz Unterschieden, die immerhin so verbindend ist, dass man sich nach der Sendung noch besprechen wird.
Irgendwann kommt ganz leise, aber konsequent die Änderung…
Der Beginn war für mich mein ganz persönliches Lieblingsstatement an diesem Abend: eine gestandene Tirolerin erzählt von dem kleinen Jungen aus ihrem Dorf, der meint: „Wenn sich zwei Menschen bekriegen, dann haben sie keine Liebe im Herzen….“
Das bewegt.
Nicht nur mich: es scheint, als würde sich auch der Kopf des sich später outenden Pegida-Mitmarschierers in leichter Zustimmung bewegen.
Dann erzählt eine alte Dame von ihren angenehmen, fürsorglichen türkischen Nachbarinnen im Gemeindebau.
Ich fange wieder an mich zu entspannen.
Vielleicht lebe ich ja doch in keiner Seifenblase und die ganzen präsentierten Statistiken und Umfragen repräsentieren gar nicht den Durchschnittsösterreicher?
Weiter geht es mit Bekenntnissen zueinander und konstruktiven Lösungs-Erzählungen: eine steirische Wirtin, die gegen den Widerstand der Dorfbewohner ihren Gasthof für Flüchtlinge öffnet und der es gelingt durch Information, einen klugen Bürgermeister, dem Verein Zebra und Geduld tatsächlich die Herzen der Einheimischen zu gewinnen.
-  Und das obwohl die Flüchtlinge lauter Männer sind.
Die Bemerkung H.C.´s, dass er bei Krieg und Mord seine Familie als Mann NIEMALS im Stich lassen würde und daher auch sicher kein Verständnis dafür hat, warum gerade Männer flüchten, ist  in der positiven Stimmung leider irgendwie untergegangen.
Positive Stimmung.
Genau das.
Ich möchte auch den Kufsteiner Lehrer nicht unerwähnt lassen, der sich getraut hat gleich nach den Vorfällen in Paris (von denen sich die Muslime natürlich gleich zu Beginn der Sendung bitte DEUTLICH distanzieren mussten…)laut zu sagen „Ich bin nicht Charlie…“
Er hat es live, vor 150 Menschen und einem großen Publikum, wieder getan und damit den wichtigen Punkt „Wo hört Meinungsfreiheit auf und beginnt gesellschaftliche Verantwortung bzw. Respekt?“ zu Bewusstsein gebracht.
„Wow, - diese Tiroler!“ denke ich mir. Liebe im Herzen und mutig noch dazu.
Es gibt auch eine Außenstelle für die Sendung: das Kaffee Kent…. Hat der ORF eigentlich irgendwann etwas von Produktplazierung bzw. Werbung für bestimmte Restaurants gesagt?
Egal. – Es geht ja um Multikulti.
Die Stimmung dort ist eher weniger prickelnd ist mein Eindruck.
Ich stelle heimlich die Vermutung an, dass wir uns im Studio viel wohler fühlen. – Vielleicht weil wir miteinander sind? Und nicht unter uns?

Je länger die Sendung dauert, desto netter wird es.
H.C. fühlt sich trotzdem wohl, habe ich den Eindruck.
Die Bürgerinitiative Dammstrasse muss leider auch heute wieder ohne durchschlagenden Erfolg (weg mit der Moschee  - für eine türkenfreie Brigittenau!) nach Hause gehen.
Sie wirken aber irgendwie trotzdem nicht sehr traurig. Gewohnte Schlachten dürfen ja prinzipiell lieber nicht aufhören, weil sonst ein Stückchen Sinn im Dasein fehlt. Das spüren die Beteiligten auch irgendwie. – Unbewusst.

Irgendwann kommt der Punkt, wo klar wird, dass sich die meisten eigentlich sehr einig sind:
An einem respektvollen Miteinander, Offenheit von allen Seiten bei Beibehaltung der kulturellen Eigenheiten, moralischen Grenzen wie z.B. Respekt und ein bisschen Liebe im Herzen führt kein Weg vorbei. – Und an einer Bildungsinitiative, damit die zukünftige Generation sich die ganzen Integrations-Thematiken erspart und lieber gleich eine multikulti-österreich Identität entwickelt.

Die Zeit vergeht dann doch sehr rasch. Grade als ich mich irgendwie an die Nähe von links und den Respektsabstand von rechts gewöhnt habe ist es auch schon wieder vorbei.
Jetzt tritt die Abgangs-Planung in Kraft. – Auch das wieder wohl organisiert. Wer – wie ich – gleich alleine wieder den Weg zurück suchen möchte, wird höflich, aber bestimmt, aufgefordert eine Gruppe zu bilden und gemeinsam zu gehen.
Hm.
Ok.
Das angenehme Gefühl im Bauch bleibt trotzdem.
Wir sind schon am richtigen Weg.
InshaALLAH.




Der Bericht ist aus einer subjektiven Wahrnehmung heraus entstanden und muss sich nicht mit anderen Wahrnehmungen decken!